MdB Marlene Schönberger im Shalom Europa
Bei einem Besuch der Bundestagsabgeordneten Marlene Schönberger (Grüne), zuständig in der grünen Bundestagsfraktion für Antisemitismusbekämpfung und die Förderung jüdischen Lebens, stand am 12. Februar 2026 alles im Zeichen des Themas „Jüdisches Leben in Unterfranken – früher und heute“. Im Mittelpunkt: das Würzburger Gemeindezentrum Shalom Europa als Ort gelebter Gegenwart – und als Ausgangspunkt, um die Geschichte jüdischen Lebens in der Region von ihren Anfängen bis heute nachzuzeichnen.
Auf Einladung des Bezirksheimatpflegers Dr. Riccardo Altieri und des Bezirksrats Gerhard Müller traf sich im Shalom Europa in Würzburg eine hochrangige Delegation zu einem Austausch über die Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens in der Region. Dazu gehörten auch Sven Winzenhörlein (Fraktionsvorsitzender im Kreistag & Landratskandidat), Jessica Hecht (Kreisvorsitzende Grüne KV-Land), Stefan Lutz-Simon (Leiter der Jugendbildungsstätte Unterfranken), Dr. Anna Novikow (Leiterin des Johanna-Stahl-Zentrums) sowie Marian Benjamin Fritsch (stellvertretender Leiter des Johanna-Stahl-Zentrums). Der Besuch verband historische Einordnung, Einblicke in religiöse Praxis und konkrete Gespräche über die Herausforderungen jüdischen Lebens – von Bildung und Jugendarbeit bis hin zu Sicherheitsfragen.
Den Auftakt bildete eine Führung durch das Shalom Europa Museum. Dabei erhielten die Besucher einen Einblick in die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Würzburg, die heute die einzige jüdische Gemeinde in Unterfranken ist. Ursprünglich wurde die Gemeinde im hohen Mittelalter vermutlich von jüdischen Geflüchteten aus Mainz gegründet. Die sachkundige Führung von Dr. Bartsch thematisierte jüdisches Leben in Würzburg und Unterfranken von den Pogromen des Mittelalters bis hin zu den Deportationen und Ermordungen auch der Würzburger Jüd*innen in der NS-Zeit. Dabei wurde deutlich, dass jüdisches Leben in Unterfranken über Jahrhunderte hinweg präsent war: Bis 1933 gab es in Unterfranken viele jüdische Gemeinden – bevor Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich die Deportationen das Leben vielerorts vollständig zerstörten.
Im Museum wurden zudem Grundzüge jüdischer Religion und Tradition anschaulich erläutert: die Bedeutung der hebräischen Bibel (Tanach), der Tora als Kerntext sowie der mündlichen Überlieferung, die später im Talmud verschriftlicht wurde. Auch die Rolle des Schabbats als wöchentlicher Ruhe- und Feiertag, die Speisevorschriften (Kaschrut) und der Stellenwert von Erinnern und Gedenken in jüdischen Familien und Gemeinden kamen zur Sprache. Dr. Bartsch erläuterte daneben Traditionen und religiöses Leben der heutigen Gemeinde, deren Mittelpunkt seit 2006 das Shalom Europa mit seiner 1966–1970 erbauten Synagoge ist. In diesem Zusammenhang wurde auch die Architektur der Synagoge als Ausdruck religiöser Praxis beschrieben – etwa die zentrale Stellung des Lesepults (Bima) und die besondere Bedeutung des Raums für Gebet, Gemeinschaft und religiöse Rituale.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Entwicklung nach 1945: Die jüdische Gemeinde in Würzburg wurde in der Nachkriegszeit von „displaced persons“ neu errichtet und wuchs zunächst aus einer sehr kleinen Gemeinschaft heraus. Mit der Zuwanderung insbesondere aus den russischsprachigen Ländern – viele Mitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion – erlebte die Gemeinde seit den 1990er Jahren einen deutlichen Aufschwung. Heute zählt sie etwa 900 bis 950 Mitglieder; zugleich wurde im Austausch thematisiert, dass der Abgang derzeit größer ist als der Zugang. Auch die Bedeutung des Shalom Europa als Ort des Zusammenhalts, der Begegnung – innerhalb der Gemeinde wie auch nach außen – wurde dabei deutlich.
Im Johanna-Stahl-Zentrum, das von der Stadt Würzburg und dem Bezirk Unterfranken unterhalten wird, erhielten sie einen Einblick in die Fachbibliothek mit Literatur zu Judentum, Antisemitismus und jüdischer Geschichte. Zudem wurde deutlich, wie wichtig ihre Arbeit im Kontext von Bildung und Forschung zu jüdischem Leben ist. Das Zentrum dient nicht nur der wissenschaftlichen und pädagogischen Arbeit, sondern ist auch ein zentraler Baustein der lokalen Bildungs- und Erinnerungsarbeit: Schulklassen besuchen regelmäßig die Einrichtung, um sich mit jüdischer Geschichte, mit Gegenwartsperspektiven und mit Fragen von Diskriminierung und Antisemitismus auseinanderzusetzen. Gleichzeitig wurden Perspektiven für die Weiterentwicklung benannt – etwa der Wunsch, den Bestand der Bibliothek künftig noch besser über digitale Kataloge zugänglich zu machen und die Bildungsangebote weiter auszubauen.
Den Abschluss bildete eine Gesprächsrunde mit Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sowie Alex Schiff und Etel Grinbuch, welche die Perspektiven der Jugend in der jüdischen Gemeinde Würzburg vertraten. Im offenen Austausch wurden persönliche Erfahrungen mit Antisemitismus in Würzburg, Fragen der Jugendarbeit in Unterfranken sowie soziale und bildungspolitische Herausforderungen diskutiert. Dabei ging es auch um die Frage, was junge Menschen brauchen, um jüdisches Leben selbstbewusst und sichtbar leben zu können – in Schule, Ausbildung und Alltag – und welche Rolle Bildungsarbeit, Vernetzung und sichere Räume dabei spielen. Thematisiert wurde zudem, dass Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen sehr kostenintensiv sind und dadurch Spielräume für Angebote, insbesondere in der Jugend- und Bildungsarbeit, begrenzt werden können. Gleichzeitig wurde die Bedeutung lokaler Unterstützung betont – durch verlässliche Kooperationen vor Ort und durch ein Schutzkonzept, das Sicherheit ermöglicht, ohne Gemeinschaft und Offenheit aus dem Blick zu verlieren.
Der Besuch im Shalom Europa machte damit eindrücklich sichtbar, wie eng in Unterfranken Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens miteinander verbunden sind: als Erinnerung an jahrhundertelange Präsenz, an Zerstörung und Neuanfang – und als Auftrag, jüdisches Leben heute aktiv zu schützen, zu stärken und als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft sichtbar zu machen.








Fotos: Pauline Grammer
Text: Andrea Stahl und Gerhard Müller